31/03/2018
Ostern im Ermland
– Eszcze nocka i Zielgónocka i mniójsko ham, ham [Noch die Nacht und der Ostersonntag und Fleisch ham-ham] – sagte Lyjnka [Leni] lachend zu Agnes, sprang ins Federbett und drückte sich an die Schwester.
– Jo sia łuż doczkać ni moga [Ich kann es ja kaum erwarten] – erwiderte Agnes.
Eine gestärkte, nach dem Wind riechende, frisch bezogene Federdecke umhüllte beide Mädchen dicht.
Der arbeitsreiche, sogar sehr arbeitsreiche Tag neigte sich zu Ende. Alle Arbeiten in den Schweineställen und na łoborze [im Kuhstall] waren fertig, alles wurde genau geharkt und gefegt. Man konnte sich mit der ganzen Familie zum letzten Fastenabendmahl, do zieczerzy [zum Abendmahl] niedersetzen. Im Ermland wurde vom Aschermittwoch bis zum Ostersonntag gefastet. Während der ganzen Fastenzeit konnte man vergeblich nach irgendwelchem Fleisch und Tierfett auf dem Tisch suchen. Mama nahm sogar keine Milch in den Mund. Keiner wusste, in welcher Intention sie das tat, aber gewiss für ihre Gesundheit; sie legte ein Gelübde ab und hielt es. Das Ende der Fastenzeit erwarteten alle, besonders jedoch die Kinder.
Po zieczerzy [Nach dem Abendmahl] trug man eine große Badewanne ins Zimmer, das sich direkt an der fensterlosen Küche befand. Man stellte sie in die Mitte. Die ausreichende Menge Wasser wurde beizeiten w dwóch wielkich keslach na kochrze [In den zwei riesigen Kesseln auf dem Kachelherd] geheizt. Das Familienbad wurde von den jüngsten Kindern begonnen. Poulek [Paulchen] konnte es kaum erwarten, bis er do tynki [In die Badewanne] sprang. Ihn ließ die Mama am längsten im Wasser planschen. Gleichzeitig erzählte sie den Kindern ruhig, ernsthaft und detailliert, die Geschichte von der Grablegung Christi und schloss ihre Erzählung mit der Auferstehung ab. In dem nur dwoma pitrolowymi lampami [Mit zwei Petroleumlampen] erleuchteten Zimmer herrschte eine traurige und ernsthafte Atmosphäre.
Nachdem die Mädchen aus dem Wasser hinausgegangen waren, setzten sie sich an den warmen Kachelofen, kämmten ihre langen Haare aus, trockneten sie und legten sich dann ins Bett.
Die leisen Gespräche hatten kein Ende. Poulek schlief w komodzie [In der ausziehbaren Kommode]. Nicht weil es kein anderes Bett im Haus gab. Er mochte diesen Platz sehr, denn die komoda [Kommode] stand nahe am Ofen. Öfters bat er Vater:
– Papo, przygrzejesz mi psierzyna kele psieca? [Papa, wärmst du mir die Federdecke am Ofen?]
Papa, meistens barsch, obwohl mehr nur zum Schein, eher nicht gewillt seine Gefühle zu zeigen, lehnte die Bitte nur selten ab.
Das Möbelstück, in dem Poulek schlief, sah tagsüber wie eine übliche Kommode aus, die in jeder ermländischen Hütte anzutreffen war. Man deckte sie mit einem weißen gestickten Tischtuch, auf dem ein Bild oder eine kleine Vase mit Blumen stand. Vor der Nacht räumte man die Zierden weg und schob die Hälfte des Oberdeckels komody [der Kommode] zurück. Die Vorderwand mit Schubladenattrappen und Griffen war ausziehbar, sodass sie zum hinteren Bettende wurde. Drinnen gab es einen nicht besonders dicken Strohsack oder loses Stroh, das man gleichmäßig verteilte. Darauf legte man dekę [eine Decke] und ein von Mama gewebtes Leinentuch. Das große Bett, in dem Lyjnka und Agnes schliefen, diente auch als ein universelles Möbelstück, das für eine Person bequem war. Hatten zwei Personen darin zu schlafen, zog man seine Seitenwand heraus.
Ein weiteres Möbelstück, das eher zur Erholung diente, und wo Papa nachmittags am liebsten schlummerte, hieß ślómbank [Schlummerbank] und war eine harte, ganz breite Holzbank mit Zierstützen auf drei Seiten. Sie stand immer neben dem Tisch, an dem die Familie Mahlzeiten verzehrte. Wenn mehrere Gäste zu Besuch kamen, zum Beispiel zum kermas [Kirmes], und es keinen Platz mehr gab, um übernachten zu können, zog man den auf Angeln gefestigten Sitz ślómbanku [der Schlummerbank] hoch, stützte ihn an die Wand, und zog das seitliche Bodenteil heraus – ebenso wie im Bett von Lyjnka und Agnes.
Nach dem Bad scheuerten Mama und Ana dyle [den hölzernen Fußboden] szrubrem [mit einem Schrubber]. Sie verwendeten dazu das Wasser aus dem Bad, das doch reich an Seife war. Dann trugen Papa und Jochim tynkę [die Badewanne] hinaus, gossen das Wasser aus und ließen sie mit dem Boden nach oben, an der Hütte gestützt, liegen.
Meistens schliefen schon jüngere Kinder zu dieser Zeit, aber an diesem Abend war fröhliches Lallen von Lyjnka und Agnes im Nebenzimmer zu hören.
– Jek wezna klopejcz, to zaro z woma ordung zrobzia! Na rane zapóznita! [Wenn ich nur die Peitsche nehme, mache ich sofort Ordnung mit euch! Ihr verspätet euch zur Morgenmesse] – schrie Vater mit angeblichem Ärger, denn in Wahrheit lächelte er nur unter seinem riesigen Schnurbart.
– Gute Nacht, Papa! – sagten sie einstimmig.
– Na! a pociyrz yśta choc zmózili? [Na! Und das Gebet habt ihr wenigstens gesprochen?] Er hörte aber keine Antwort mehr.
Zur Ostermesse gingen Agnes und Lyjnka jedes Jahr sehr gerne. Egal, dass man sehr früh aufzustehen und über sieben Kilometer beim Morgengrauen nach Grieslienen zu gehen hatte. Man konnte aber mit eigenen Augen sehen, wenn das Grab Christi geöffnet wurde! Nach dem Gottesdienst ging man immer zum Frühstück bei den Bekannten der Eltern. Endlich war das kein Fastenfrühstück mehr! Frau Helga verwöhnte den Gaumen der Mädchen sehr gerne. Sie schaute zu, wie sie – durch die Fastenzeit ausgehungert – die von ihr vorbereiteten Leckereien naschten. Sie wollte immer eine Tochter haben, aber lieber Herr Gott hat sie mit fünf Söhnen beschenkt.
Na duże [Zum Hochamt] kam die ganze Familie mit der Kutsche zur Kirche. Danach fuhren alle gemeinsam nach Wemitten zurück, wo ein echtes Festmittagessen auf sie schon wartete. Brühe z nudlami [mit Nudeln], und vor allem knusprige Bratgans, Kartoffeln und das wohl bei allen beliebte szmórkółl [Schmorkohl]. Solchen Schmorrotkohl, so lecker gewürzt, leicht süßlich, ein bisschen sauer, konnte man wohl nirgendwo in der Welt, außer dem Ermland natürlich, nicht essen.
Herr Gott gebot, den heiligen Tag zu feiern. Von allen Festen wartete man aber wohl besonders auf Ostern. Und man feierte es auch ehrlich. Außer den unentbehrlichsten Arbeiten, wie das Füttern von Tieren, das Melken von Kühen und das Vorbereiten von Mahlzeiten, durfte niemand andere Arbeiten verrichten. Für Kinder und Jugendliche war der zweite Festtag am wichtigsten.
Nach dem alten ermländischen Brauch hatte man po smaganiu [Waden geißeln] zu gehen. Welch ein Lachen, Quietschen und Freude gab es dabei. Wiejskie szurki [Die Dorfschurken], eigentlich schon Junggesellen – przydóny – setzten sich zum Ziel, am Ostermontag möglichst viele Mädels auszupeitschen. Sie bereiteten schon vorher kadyki [Wacholder] vor. Es war üblich, die Beine jeder Frau mit Wacholderruten auszupeitschen. Da der Preis von Strümpfen ganz hoch war, ersetzte man manchmal Wacholder durch Birkenzweige.
Vater war in ganzer Umgebung für seinen Scherz und seine Neigung zu Streichen bekannt. Keiner wunderte sich also, dass es den örtlichen szurkom [Schurken] gelang, ihn zu überreden, das Fenster von der Stube, in der Ana und Marta schliefen, in der Nacht nicht ganz geschlossen zu lassen. Eines ist sicher. Ganz umsonst tat er das nicht. Die Szurki [Schurken] mussten sich czwortek [einen Viertelliter] oder ein Päckchen Schnupftabak kosten lassen.
Im Morgengrauen stiegen die Jungs ganz leise durch das Fenster ins Zimmer, um die Federdecke von den Mädchen hinterrücks wegzureißen und ihre Beine im Bett auszupeitschen. Die Mädchen schienen noch tief zu schlafen und es war tatsächlich so. Die selbstsicheren Jungs jubelten schon, dass Quietschen und Schreien das ganze Haus bald aufwecken wird. Marta und Ana vereitelten jedoch diesen Plan. Da sie schon ahnten, was passieren wird, wickelten sie am Abend ihre Beine – von den Knöcheln bis zu den Oberschenkeln – in alte Zeitungen ein. Außerdem drückten sie sich zwischen Inlett und Bettüberzug der Federdecke. Quietschen gab es selbstverständlich und das Haus wurde schließlich munter gemacht, mit der Ausnahme dass szurki [die Schurken] nicht überglücklich aus der Hütte liefen und Vater nannte sie zusätzlich nimki [Nieten].
Der Montag begann also recht fröhlich und kurz danach spachtelte die ganze Familie das feierliche frysztyk [Frühstück]. Man konnte zwischen Kakao und Malzkaffee mit Milch und faryna [Zucker] wählen. Es rochen woszty [Würste], szpeki [Specke] und zilce [Sülzen]. In der Mitte stand auf dem Tisch ein wunderschönes weißes Zuckerlamm mit einer kleinen roten Fahne an einem dünnen Stock sowie eine große Schüssel von in Serradelle, Zwiebel und burokach [roten Beten] łumalowanych [bemalten] jojków [Eiern]. Damit sie glänzten, wurden sie mit Speckhaut eingerieben. Poulek beschwerte sich nie über seinen Appetitmangel, aber heute überraschte er uns alle. Er verputzte ein Ei nach dem anderen, was allgemeine Fröhlichkeit verursachte. Als er aber nach dem vierzehnten schon griff, reagierte Mama.
– Toc weź mu te jojka, bo sia łocieli abo fersztopfungu dostonie [Nimm ihm doch diese Eier weg, sonst kalbt er oder Verstopfung kriegt] – sagte sie zu Vater.
Es ging ihm gut und bis zum Mittagessen hatte er schon wieder großen Hunger. Lyjnka mit Agnes nahmen gleich nach dem frysztyk [Frühstück] ihre vorbereiteten kadyki [Wacholder] und liefen po smaganiu [nach Waden geißeln] zur tanta [Tante] Ołgusta [Auguste] am anderen Ende von plony [dem Abbau] und nachher hinter struga [den Bach] zur tanta [Tante] Katrynka [Käthe]. Zu ihr gab es einen weiten Weg, denn man musste hinter die Passarge in Richtung Spogahnen, aber das machte doch nichts aus. Es lohnte sich immer. Beide Tanten freuten sich über ihren Besuch und enthielten ihnen keine Süßigkeiten, kleine Geschenke oder eine Handvoll Pfennige nicht vor. Sogar na łodchodne [beim Abschied] in der Tür beschenkte tanta [Tante] Ołgusta die Mädchen noch mit Schokoladeneiern in Goldpapier. Zufrieden und munter liefen sie nach Hause. Agnes prahlte vor Mama mit ihrem Ei, packte es behutsam aus, halbierte und zog aus dem Bündel einen kleinen Ring heraus.
– Lyjnko, pokoż ano swój psiszczónek [Leni, zeig mal deinen Ring] – sagte Mama. Lyjnka war zunächst sprachlos und dann antwortete sie mit ihren kleinen Augen voller Tränen:
– Jom swoje jojko łuż pożerła i psiszczónkam razu nie zmniarkowała. [Mein Ei habe ich schon aufgefressen und keinen Ring bemerkt].
Im ganzen Hause gab es viel zu lachen, nur die arme Lyjnka konnte nicht aufhören zu weinen. Jochim versprach aber, dass er ihr jojko z psiszczónkam [ein Ei mit Ring] nach Zielgónoc [Ostern] kaufen wird.
– A weźta no szurka i lećta dzieciuki, do lasa łoboczyć, czy aby zajónce w kadykach woma gniozdków nie porobzili [Kinder, nehmt einen Schurken mit und lauft in den Wald schauen, ob die Hasen schon Nester in Wacholdern für euch gebaut haben] – sagte Vater scheinbar salopp.
Zwei Mal brauchte man es nicht zu sagen. Bereits nach einem Augenblick liefen sie zum Wald, indem sie dabei Poulek an den Händen hielten. Diesen Brauch pflegte Vater. Niemand wusste, wann er Nestchen aus Heu unter den Wacholdersträuchern baute, die er dann mit Süßigkeiten und bemalten Eiern füllte. Im Walde, der drei- vielleicht vierhundert Meter vom gburstwo [Bauernhof] entfernt war, gab es viele Wacholdersträucher, die Hände der Kinder zerkratzten, bis sie ein süßes Nest unter einem von ihnen endlich fanden. Wie konnte es Vater schaffen, sie so tief gelegt zu haben? Bereits nach einer halben Stunde stürzten die drei, sich überschreiend, zurück in die Hütte hinein. Sie prahlten vor ihren Eltern und älteren Geschwistern durcheinander redend damit, was ihnen latoś [in diesem Jahr] der Osterhase im Nest zurückließ. Poulek hielt mit einem ernsten Gesicht eine braune Zuckerzigarre im Mund. Ihn störte nicht, dass rote Wacholderkratzen an seinen Armen bis zu den Ellenbogen zu sehen waren. Die vom Osterhasen bereitete Freude trocknete Augen von Lyjnka nach dem Verlust des psiszczónek [Rings].
Gegen Abend kamen zu kowka [Kaffee] und kuchy [Kuchen] tanta [Tante] Ołgusta mit ónkel [dem Onkel]. Echten Kaffee trank man im Ermland nur an Festtagen und Feierlichkeiten. Mama kochte ihn in einem Topf auf dem Herd, filterte durch ein zibek [Sieb] und brachte in einer Porzellankanne auf den Tisch. Man trank ihn ausschließlich aus Tassen und genoss seinen Geschmack. Er war kein billiges Genussmittel.
Spät am Abend, im Zimmer an der Küche, spielten ónkel [Onkel] Jochim und papa [Papa] Skat, natürlich um Geld. Die Einsätze waren eher gering, aber das Spiel selbst war so vereinnahmend, dass es mehrere Stunden dauerte. Gelungene Anspiele wurden heftig besprochen und mit einer Runde sznaps [Schnaps] belohnt. An solchen Abenden war Agnes im richtigen Fahrwasser. Sie begeisterte sich für Skat und begann mit der Zeit, den Meistern alles abzunehmen. Agnes bereitete den Tisch vor. In die Mitte legte sie den Kartenstock und in den Zimmerecken schräg gegenüber stellte sie auf stófy [Blechbechern] zwei pitrolowe lampy [Petroleumlampen]. Sie sorgte dabei, dass sich ihre Schirme nicht mit Ruß bedeckten und die Karten in den Händen der Spieler gut beleuchteten. An einen Rand, an dem niemand saß, stellte sie auf tablet [ein Tablett] eine Flasche mit sznaps [Schnaps] und drei Gläser hin. Sie selbst setzte sich neben papa [Papa] auf die ślómbank [Schlummerbank]. Aufmerksam beobachtete sie das Spiel und hielt die Kasse. Sie stapelte Pfennigmünzen nach ihrem Wert und zahlte den anderen aus, wenn papa [Papa] verlor oder nahm ein, wenn er gewann. Schnell lernte sie die Summen auszuzahlen, je nach dem Anspiel. Papa war sehr stolz auf sie und ließ sie – wenn gerade er an der Reihe war – Karten mischen und austeilen und sogar sznaps [Schnaps] einschenken. Öfters sagte er mit Trauer:
– Doczamuś tyś, dziywczoku, szurkam na śwat nie przyszła! [Warum bist du, Mädel, nicht als Junge zur Welt gekommen!]
Lyjnka setzte sich und hielt die Kasse bei Jochim. Das Spiel interessierte sie aber nicht. Häufig kam es vor, dass Lyjnka bereits tief schlief, als Agnes noch am Tisch mithalf. Die Mädchen erhielten für diesen „Beistand” immer ein paar Pfennige, die sie sorgfältig szporowały [sparten]. Heute geschah es auch so. Lyjnka lag bereits im Bett, nachdem sie fast eine ganze Marke, die sie von Jochim bekam, an einer geheimen Stelle versteckt hatte. Sie hörte die aufgeregte Stimme von Agnes, die Anspiele kommentierte: sztółs [Stoß], kontra [Kontra] rej [Re] und kämpfte hartnäckig gegen das Einschlafen. Das war ihr letztes, wirklich kindliches Zielgónoc [Ostern]. Bereits ab der nächsten Woche, jeden Dienstag und Freitag, wird sie um sieben Uhr morgens in der Kirche in Grieslinen erscheinen müssen, um Gottesdienst zu besuchen und Katechismus zu lernen.
Im Juli empfängt sie die ersehnte Erstkommunion.
Edward Cyfus, „Warmińska saga. A życie toczy się dalej…”, SS. 9-14, Moja Biblioteka Mazurska. Oficyna Wydawnicza Retman
Übersetzt von Dr. Aleksander W. Bauknecht
Fot. Das Bild entstammt dem einzigartigen Rosenkranzweg in Dietrichswalde, vom Ende des 19. Jh. Er ist ein Teil der Hainbuchenallee, die zur, im Ruf der Heiligkeit stehenden, Quelle führt.